
Ich weiß nicht mehr, warum Mika ich sagt
| Schreiben, Gedankengarten, Kinderbuch
von Dr. Wahed Hemati
Gedankengarten ist vom ersten Absatz an aus Mikas Sicht erzählt. Er sagt “ich”, zwölf Kapitel lang.
Warum, weiß ich nicht.
Das ist keine Koketterie. Ich habe nachgesehen. In jeder Fassung des Manuskripts, die ich noch habe, sagt Mika schon auf der ersten Seite “ich”, und an einen Moment, in dem ich das entschieden hätte, erinnere ich mich nicht. Ob es davor eine Version in der dritten Person gab, kann ich nicht feststellen. Ich glaube es nicht. Beweisen kann ich es nicht.
Was ich stattdessen tun kann: das Buch noch einmal lesen und aufschreiben, was die Perspektive dort anrichtet. Nicht was ich mir gedacht habe. Was auf der Seite steht.
Der Bauch meldet sich vor dem Kopf
Die erste Szene ist eine Mathearbeit. Der Bogen landet vor Mika, weiß und leer, darüber steht “Brüche und Dezimalzahlen”. Der nächste Satz lautet: “Mein Magen machte einen Purzelbaum.”
Erzählt man dieselbe Stelle von außen, kommt ungefähr heraus: Mika war nervös. Das ist eine Zusammenfassung. Ein Purzelbaum im Bauch ist keine.
Zwei Sätze weiter tanzen die Zahlen vor seinen Augen, und was gestern noch ging, ist weg. “Gähnende Leere. Blank. Einfach nichts.” Ein Erzähler von außen sieht einem Kind beim Blackout zu. Mika steckt drin, und der Leser mit ihm.
Ich glaube nicht, dass ich das geplant habe. Ich sehe nur, dass es der Unterschied ist.
Die Stimme, die schreit, braucht ein Ohr
Das Buch hängt an einer Idee: dass Gedanken etwas sind, das wächst, und dass man auswählen kann, was man gießt. Damit das keine Behauptung bleibt, muss der Leser die Gedanken hören. So, wie ein Kind sie hört.
In derselben Szene gibt es einen unsichtbaren Lautsprecher. Letzte Woche hat er “Keiner will dich im Team!” gerufen, als Mika beim Basketball als Letzter gewählt wurde. Jetzt ruft er etwas Neues.
Ein Erzähler von außen müsste diesen Lautsprecher beschreiben. Er müsste sagen, dass Mika sich gerade selbst fertigmacht, und hätte den Vorgang damit schon benannt und entschärft. Mika benennt ihn nicht. Er hört ihn.
An derselben Stelle passiert noch etwas. Mika verknüpft die Mathearbeit selbst mit der Sache vom Basketball. Niemand erklärt ihm, dass das zusammenhängt. Er merkt es, während es ihm passiert, und das ist ein Unterschied ums Ganze: eine Deutung kann man ablehnen, eine Erinnerung, die sich aufdrängt, nicht.
Was mich die Perspektive kostet
Alles, was Mika nicht wissen kann.
Ich kann nicht erzählen, was seine Mutter denkt, während sie abends das Licht ausknipst. Ich kann nicht erzählen, was in seiner Lehrerin vorgeht, wenn sie die Arbeiten einsammelt. Jede Information über einen Erwachsenen muss durch einen Neunjährigen hindurch, und der versteht die Hälfte nicht.
Meistens ist das ein Gewinn. Bei Ada wurde es ein Problem.
Das Problem mit Ada
Ada ist Mikas Patentante und im Buch die Figur, die etwas weiß. Nur kann ein neunjähriger Erzähler sie nicht für weise erklären. Ein Kind hat diese Autorität nicht. Stünde im Buch “Ada ist klug”, würde man es ihm nicht abnehmen, und die Figur wäre erledigt.
Der Satz steht nirgends. Ada wird getan, nicht beurteilt. Sie steht mit zwei dampfenden Kakaotassen in der Tür, sie rückt die Brille zurecht und streicht über einen Einband, sie zieht eine Augenbraue hoch und bemerkt etwas trocken. Mika berichtet, was er sehen kann. Den Rest macht der Leser.
Am deutlichsten ist die Szene in der Garage. Mika hat einen missglückten Versuch hinter sich, alles liegt in Scherben, er erzählt es ihr. Dann steht da: “Ada antwortete nicht sofort. Stattdessen ging sie zur Werkbank in der Garage und holte Werkzeug, Kleber und kleine bunte Farbtuben heraus.”
Sie beantwortet die Frage nicht. Sie baut die Antwort. Handlungen kann ein Kind zuverlässig wiedergeben, fremde Gedanken nicht.
Die wichtigste Entscheidung an der Stelle fällt mir aber erst jetzt auf: Mikas Skepsis bleibt stehen. “Ich war skeptisch, doch Ada ließ sich nicht beirren.” Hätte ich ihn bewundern lassen, wäre der Absatz eine Predigt geworden. So zweifelt er, der Leser sieht danach, dass es trägt, und Ada bekommt ihre Autorität, ohne dass jemand sie behauptet.
Dass das ein beschriebenes Verfahren ist, habe ich erst später gelesen. Die Literaturwissenschaftlerin Sonja Klimek hat es 2017 in der Zeitschrift kids+media der Universität Zürich an Andreas Steinhöfels “Rico, Oskar” gezeigt: Der Leser muss über den Verstehenshorizont des Erzählers hinaus, es gibt zwar die Reaktionen der Dialogpartner, aber keine übergeordnete Instanz, die dessen Fehleinschätzungen korrigiert.
Klimek schreibt gleich dazu, es sei ungeklärt, ob Zehnjährige das leisten. Dafür bräuchte es Lesestudien, die es nicht gibt.
Ich weiß es also auch nicht. Ich weiß nur, dass es sich beim Schreiben richtig angefühlt hat und beim Lesen immer noch tut.
Was ich mitnehme, ist unangenehmer, als ich dachte, als ich anfing: Über mein eigenes Buch habe ich beim Nachsehen mehr gelernt als beim Nachdenken.
Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten: So wie du denkst, so wächst du für Kinder ab 9 Jahren.
Gedanken aus diesem Blog stelle ich auch als Bild bei Pinterest ein, mit den Illustrationen aus dem Buch: Mind Garden Adventures