
Ankommen in einer Sprache, die man nicht versteht
| Mehrsprachigkeit, Ankommen, Elternalltag
von Dr. Wahed Hemati
Mit sieben oder acht habe ich angefangen, für meine Eltern zu dolmetschen. Nicht im Amt und nicht beim Arzt, wie man es aus Reportagen kennt, sondern zu Hause: Briefe und Telefonate. Es gab keinen Termin dafür und keine Vorbereitung. Ein Brief lag da, das Telefon klingelte, und dann war ich dran.
Wenn ich heute gefragt werde, wie sich das angefühlt hat, kommt bei mir nicht als Erstes Stolz. Es kommt Überforderung, und darunter eine sehr bestimmte Angst: etwas falsch zu machen.
Das Kind steht in dem Raum, in dem sonst Erwachsene stehen
Wenn über zugewanderte Kinder geschrieben wird, geht es meistens um Schule. Um den ersten Schultag und um Noten. Der Teil, der bei mir schwerer wog, kommt in diesen Erzählungen selten vor: dass in der Familie jemand sprechen muss und dass dieser Jemand ein Grundschulkind ist.
Damit verschiebt sich etwas, das mit Sprache zunächst gar nichts zu tun hat. Ein Kind, das einen Brief übersetzt, den seine Eltern nicht lesen können, steht für ein paar Minuten an der Stelle, an der sonst Erwachsene stehen. Über die Sache selbst weiß es nicht mehr als sie. Es hat nur das Werkzeug.
Niemand hätte mir sagen können, ob es stimmt
Was diese Angst hartnäckig macht, ist die Lage, in der sie entsteht. In der Schule zieht ein falsches Wort einen roten Strich nach sich. Am Telefon nicht. Der einzige Mensch im Raum, der beide Sprachen kann, ist dasselbe Kind, das gerade übersetzt. Verantwortung und Kontrolle liegen in einer Person, und die ist sieben oder acht.
Ob ich oft danebenlag, weiß ich nicht. Genau das ist der Punkt: Ich hätte es nicht gemerkt.
Die Forschung beschreibt es anders, als ich es erinnere
Für das, was ich da gemacht habe, gibt es einen Fachbegriff. Er heißt child language brokering und meint Kinder, die für ihre Familie dolmetschen. Ich habe nachgesehen, was die Forschung dazu sagt, und ein einheitliches Ergebnis erwartet. Es gibt keins. Die Übersicht über das Feld führt Arbeiten auf, die Belastung beschreiben, und daneben Arbeiten, die von beschleunigter Entwicklung und einer engeren Bindung an die Eltern berichten. Kinder nennen häufig beides zugleich. Eine Arbeit zu genau dieser Seite trägt sie im Titel: Reconstructing the experiences of child language brokering: a focus on the socio-emotional impact of the practice von Federica Ceccoli.
Ein zweiter Titel aus demselben Feld hat mich mehr getroffen als jedes Ergebnis: Caught in the middle: child language brokering as a form of unrecognised language service von Rachele Antonini. Nicht anerkannte Sprachdienstleistung. Genau so war es. Was ich da machte, hatte keinen Namen, keine Zuständigkeit und keine Uhrzeit. Es war einfach etwas, das im Haushalt anfiel, wie Einkaufen.
Meine Erinnerung trägt nur eine der beiden Seiten. Den Stolz finde ich darin nicht. Vielleicht war er da und ist verloren gegangen, vielleicht war er bei mir wirklich nicht da. Ich schreibe hier auf, woran ich mich erinnere, nicht was üblich ist, und der Unterschied gehört dazu.
Angekommen bin ich trotzdem genau dort
Wenn ich sagen soll, wann ich in dieser Sprache angekommen bin, dann nicht im Klassenzimmer und nicht mit einer Note. Es war beim Übersetzen für meine Eltern. Dieselbe Situation, an die ich mich als Überforderung erinnere, war auch die, in der sich zeigte, dass ich die Sprache konnte.
Vielleicht ist das die Antwort auf den Widerspruch weiter oben. Nicht dass ich mich falsch erinnere, sondern dass in derselben Szene beides steckt und ich nur eine Hälfte behalten habe. Wer wissen will, wann ein Kind in einer Sprache ankommt, sollte deshalb nicht nur auf das Zeugnis schauen.
Was ich mir von den Erwachsenen gewünscht hätte
Ratschläge für Familien, die das gerade durchmachen, gebe ich ungern. Ich war das Kind, nicht der Elternteil. Zwei Dinge hätte ich damals gebraucht, und die kann ich aufschreiben.
Das erste: dass die Person am anderen Ende merkt, dass sie mit einem Kind spricht, und langsamer wird. Nicht lauter und nicht freundlicher. Langsamer.
Das zweite: dass hinterher jemand sagt, wie die Sache ausgegangen ist. Ob mir das geholfen hätte, weiß ich nicht. Ich hätte es gern gewusst.
Und wenn ich doch etwas raten soll, dann diesen einen Satz: Ein Fehler von dir ist nicht dein Fehler. Ein Kind in diesem Alter ist kein Dolmetscher. Es hilft aus, weil es geht.
In dem Kinderbuch, das ich später geschrieben habe, kommt von alldem nichts vor. Gedankengarten handelt nicht vom Ankommen, und Mikas Sprache ist nicht sein Problem. Er hat sich nur zu früh entschieden, was er nicht kann. Die Verbindung sehe ich trotzdem: Beide Kinder müssen etwas sagen, ohne zu wissen, ob es stimmt. Das eine sagt es einer fremden Stimme am Telefon, das andere sich selbst.
Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten: So wie du denkst, so wächst du für Kinder ab 9 Jahren.
Gedanken aus diesem Blog stelle ich auch als Bild bei Pinterest ein, mit den Illustrationen aus dem Buch: Mind Garden Adventures