Gedankengarten
Bleistiftzeichnung: ein Sämling mit zwei Keimblättern wächst aus einem schmalen diagonalen Riss in einer Steinplatte, am Stängel sitzt eine kleine goldene Samenschale.

Wenn ein Kind sagt: Das kann ich nicht

| Selbstvertrauen, Mathe, Elternalltag

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Ein Kind sitzt über den Bruchaufgaben, der Radiergummi hat das Papier schon dünn gerieben, und dann kommt der Satz: “Ich kann das nicht.” Wer nachfragt, bekommt die schärfere Fassung: “Ich bin einfach zu dumm für Mathe.” Der Ton ist nicht trotzig. Er ist sachlich, wie eine Feststellung über das Wetter. Genau das macht ihn so schwer auszuhalten.

Ich kenne diesen Satz von innen. Ich kam als Kind nach Deutschland und verstand in der Schule weder die Sprache noch den Stoff. Meine Hefte waren eine Sammlung roter Korrekturstriche, und jedes Zeugnis fühlte sich an wie ein Urteil über meine Zukunft. Der Satz “ich kann das nicht” war bei mir keine Momentaufnahme. Er war jahrelang die Arbeitshypothese.

Der Satz ist normal, nicht alarmierend

Das Erste, was mir als Erwachsenem geholfen hätte zu wissen: Dieses Gefühl ist keine Seltenheit und kein Zeichen, dass etwas kaputt ist. Als die OECD für die PISA-Studie 2012 Fünfzehnjährige in aller Welt befragte, sagten 30 Prozent, sie fühlten sich beim Lösen von Mathematikaufgaben hilflos. 61 Prozent machten sich Sorgen, in Mathe schlechte Noten zu bekommen. Wer abends am Küchentisch diesem Satz begegnet, hat also einen sehr verbreiteten Zustand vor sich, keinen Sonderfall.

Das nimmt dem Moment nichts von seiner Dringlichkeit. Aber es ändert die Frage. Sie lautet nicht mehr “was stimmt mit meinem Kind nicht”, sondern “wie antworte ich auf etwas, das fast alle Kinder irgendwann denken”.

Warum “du bist doch klug” nach hinten losgehen kann

Der Reflex der meisten Eltern ist Gegenrede: “Das stimmt doch gar nicht. Du bist doch klug!” Die Absicht ist gut. Die Forschung dazu ist ernüchternd.

In einer bekannten Versuchsreihe ließen Mueller und Dweck Kinder Aufgaben lösen und lobten sie danach unterschiedlich: die einen für ihre Klugheit, die anderen für ihre Arbeit. Die für Klugheit gelobten Kinder wählten anschließend häufiger die leichteren Aufgaben, bei denen sie nicht scheitern konnten, und gaben nach einem Misserfolg schneller auf. Die für ihre Arbeit gelobten Kinder wählten häufiger die schwierigeren Aufgaben. Wer für eine Eigenschaft gelobt wird, lernt offenbar auch, dass diese Eigenschaft auf dem Spiel steht.

Eine Arbeitsgruppe um Eddie Brummelman fand später etwas Ähnliches für übertriebenes Lob: Sätze wie “das ist ja unglaublich schön” führten ausgerechnet bei Kindern mit niedrigem Selbstwertgefühl dazu, dass sie beim nächsten Mal die leichtere Aufgabe wählten. Die Autoren vermuten, dass das große Lob eine Messlatte aufstellt, unter der man künftig lieber durchtaucht.

Beides zusammen ergibt ein unbequemes Bild: Ausgerechnet die wohlmeinendsten Sätze können einem Kind beibringen, Herausforderungen zu meiden.

Was die Mindset-Forschung verspricht und was sie hält

An dieser Stelle taucht in Elternratgebern fast immer das “Growth Mindset” auf, oft mit dem Versprechen: Bring deinem Kind bei, dass Anstrengung alles ist, und die Noten steigen. So steht es in vielen Büchern. So steht es nicht in den Daten.

Eine Doppel-Meta-Analyse von Sisk und Kollegen über mehr als 365.000 Schüler fand zwischen Denkweise und Schulleistung nur einen schwachen Zusammenhang (r = 0,10), und Mindset-Trainings verbesserten Leistungen im Schnitt kaum (d = 0,08). Eine neuere Meta-Analyse von Macnamara und Burgoyne kommt zu dem Schluss, dass selbst dieser kleine Effekt nach Korrektur für Verzerrungen nicht mehr belastbar ist. Die größte Einzelstudie, die National Study of Learning Mindsets mit über 12.000 Neuntklässlern, fand eine Verbesserung von 0,10 Notenpunkten, und zwar nur bei zuvor leistungsschwächeren Schülern.

Ehrlich zusammengefasst: Als Hebel für bessere Noten ist die Sache dünn. Was die Experimente aber ziemlich einheitlich zeigen, ist etwas anderes: Die Art, wie über Können gesprochen wird, verändert, welche Aufgaben ein Kind sich zutraut und wie es mit dem nächsten Fehler umgeht. Das ist weniger, als die Ratgeber versprechen. Es ist nicht nichts.

Den Satz kleiner machen statt ihn wegzureden

Was heißt das praktisch, wenn der Satz am Küchentisch fällt? Ich beschreibe, was ich bei meinen Neffen und Nichten beobachtet habe, und sage dazu: Das ist Erfahrung aus einer Familie, keine Studie.

Am wenigsten hilft die direkte Gegenrede. “Natürlich kannst du das” ist aus Sicht des Kindes eine Behauptung von jemandem, der die Bruchaufgaben nicht vor sich liegen hat. Was öfter funktioniert, ist den Satz zu verkleinern: “Was genau geht nicht?” Aus “ich kann Mathe nicht” wird dann “ich weiß nicht, wie man ungleiche Nenner gleich macht”. Das erste ist ein Urteil über eine Person. Das zweite ist eine Aufgabe, und Aufgaben haben Anfänge.

Als ich Gedankengarten geschrieben habe, habe ich Mika genau diesen Weg gehen lassen. Er verhaut am Anfang eine Matheprobe, und in seinem Kopf brüllt ein Lautsprecher “Versagen = Sitzenbleiben”. Der Wendepunkt der Geschichte ist nicht, dass Mika plötzlich rechnen kann. Es ist der Moment, in dem er den Gedanken als Gedanken erkennt, ihm einen Namen gibt und ihn damit von sich selbst trennt. Im Buch heißt so ein Gedanke Unkraut. Man kann ihn jäten, aber erst, wenn man ihn nicht mehr für den Garten hält.

Das ist keine Technik, die Noten garantiert. Es ist die Unterscheidung, die dem Jungen mit den roten Strichen im Heft gefehlt hat: dass “ich kann das nicht” eine Beschreibung dieses einen Nachmittags ist, dieses einen Aufgabenblatts. Nicht ein Urteil über eine Zukunft. Die Zukunft stand damals nicht im Zeugnis, aber das konnte mir keiner sagen, weil ich es selbst am lautesten anders behauptet habe.

Dieser Text stammt von Dr. Wahed Hemati, Autor des Kinderromans Gedankengarten: So wie du denkst, so wächst du für Kinder ab 9 Jahren.

Gedanken aus diesem Blog stelle ich auch als Bild bei Pinterest ein, mit den Illustrationen aus dem Buch: Mind Garden Adventures

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